Archiv der Kategorie: Leben als Schwerhöriger

Erfahrungen, Gefühle und Reaktionen im Leben als Schwerhöriger

Einmal schwerhörig – immer schwerhörig

Einmal schwerhörig – immer schwerhörig

Einmal schwerhörig, immer schwerhörig
Einmal schwerhörig, immer schwerhörig

Vor gut neun Monaten wurde ich am linken Ohr implantiert, vor acht Monaten wurde mein CI Sound Prozessor zum ersten Mal angepasst und seit ca. fünf Monaten höre ich ganz gut mit diesem Implantat.

Schwerhörig bleibt schwerhörig

Doch schwerhörig bleibt schwerhörig – zumindest für meine Umwelt. Viele freundliche Menschen, nicht alle, haben sich früher Mühe gegeben, deutlich zu sprechen. Das ist jetzt nicht mehr so, zumindest nicht durchgängig.

Normalerweise fragen die meisten Menschen noch mal nach, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Ich achte inzwischen sehr genau darauf und zähle manchmal mit, wie oft gut Hörende nachfragen, was schlecht Sprechende gesagt haben. Dann erhalten die Fragenden eine Antwort, wenn sie Glück haben auch etwas deutlicher gesprochen.

Schlechtsprecher, Nuschler und Sprechignoranten

Doch ganz anders bei mir. Wenn ich nachfrage, weil ich etwas nicht verstanden habe, bin immer ich „schuld“. Schließlich bin ich als schwerhörig bekannt und der Sound Prozessor für mein Cochlea Implantat ist groß und deutlich auf meinem Ohr erkennbar. Da kann einer noch so nuscheln und unter sich sprechen, es liegt an mir, am bekanntermaßen Schwerhörigen, dass ich diesen Sprechignoranten nicht verstehe.

Meist belustigt mich das. Ja, ich kann tatsächlich darüber lachen. Beim Lachen geht es mir selbst einfach besser. Manchmal deprimiert es mich aber auch – nicht sehr lange aber eben doch.

Ich weiß, es geht fast allen Menschen mit Hörproblemen so. Diese Situation wurde auch schon oft genug beschrieben, aber eben noch nicht von mir. Und mir tut es gut, wenn ich das auch mal niederschreibe.

Einmal Dieb, immer Dieb

Es gibt das Sprichwort, einmal Dieb, immer Dieb oder einmal Lügner, immer Lügner. Das scheint mir genauso falsch zu sein wie, einmal schwerhörig, immer schwerhörig.

Nach vorne schauen

Doch grundsätzlich schaue ich lieber noch vorne. Was zurück liegt ist nicht veränderbar.

Nüchtern betrachtet, höre ich viele Geräusche wieder, die ich so nicht mehr kannte. Das ist wunderbar – manchmal auch (wieder)gewöhnungsbedürftig. Sprache verstehe ich nach meinem Ermessen sehr gut. Allerdings bleiben da immer Einschränkungen – das technische Gerät kann nicht so viel, wie ein natürliches Gehör. Zuvor war ich links taub. Daran gemessen beträgt die Verbesserung durch das Cochlea Implantat für mich hundert Prozent.

Konzertbesuch 

Konzert
Konzert

Bei einem Konzertbesuch kürzlich, glaubte ich, einzelne Stimmen des Chors herauszuhören und auch einzelne Instrumente. Wenn ich das dann meinen Mitmenschen erzähle, ernte ich aber nur ungläubige Gesichtsausdrücke und vielleicht auch ein gedachtes „jetzt spinnt er aber wirklich“.

 

Sing`n pray

 

Mal sehen was geht

Mal sehen was geht

Facebook Grupen

Vielen Menschen mit Hörschädigungen geht es bedeutend schlechter als mir. Das ist meine Wahrnehmung aus verschiedenen Facebook Gruppen zum Thema „Schwerhörigkeit“.  Negative Botschaften werden öfter nieder geschrieben und dringen grundsätzlich eher durch als gute Nachrichten. Das ist nicht nur in sozialen Netzwerken so.

Immer öfter fallen mir Beiträge auf, die bei mir den Eindruck erwecken, „da schreiben Menschen aus einer tiefen Verzweiflung oder Resignation heraus über sich bzw. ihre Hör- oder sonstige Situation“. Wenn ich das lese, beschäftigt mich das meist eine Zeit lang. Manchmal denke ich darüber nach, ob oder wie ich, zumindest mit einer Antwort auf diese „Facebook Posts“ reagieren kann. Doch während ich darüber nachdenke, treffen auf Facebook reihenweise gute Ratschläge von anderen Leuten ein – von solchen, die schneller denken und schreiben als ich.

Sabine Niese

 

Sabine Niese
Sabine Niese

In dieser Woche konnte ich zum wiederholten Mal bei Stern TV die einundvierzig jährige Sabine Niese als Gast erleben. Obwohl sie seit über sieben Jahren an der unheilbaren Krankheit ALS leidet und seit geraumer Zeit nur noch im Rollstuhl lebt, versprüht Sabine Niese eine Lebensfreude wie kaum ein gesunder Mensch. Wer sich dafür interessiert, kann sich  über diesen Link selbst ein Bild verschaffen.

Allein die von ihr aufgestellte „Löffelliste“ eine Liste all der Dinge, die sie noch erleben möchte, bevor sie „den Löffel abgibt“, finde ich bewundernswert.

Auffallend ist an Sabine Niese, wie sie vor allem positiv nach vorne schaut. „Was geht noch“ scheint ihr wichtiger zu sein, als „Was kann ich alles nicht mehr“.

Mehr als ein halb volles oder halb leeres Glas

Dahinter steckt mehr als die oft zitierte Banalität vom halb vollen oder halb leeren Glas.

Es ist auch mehr als von Optimisten und Pessimisten zu sprechen.  Es geht um eine grundsätzliche Lebenseinstellung.

Wir Menschen machen uns Vorstellungen, zu uns selbst, zu Situationen und Ereignissen.

Sich ein Bild machen

Das geschieht blitzschnell in Bildern und Emotionen. Bevor wir mit unserem Verstand einen Eindruck prüfen können, haben wir bereits passende Bilder zum Vergleich abgerufen und reagieren emotional. „Sich ein Bild machen“ ist eine dazu passende Redewendung.

Bilder erzeugen Vorstellungen im Kopf und umgekehrt.

Welche Bilder und Vorstellungen wir entwickeln, hängt vermutlich von unserer Lebenserfahrung und unseren Prägungen ab.

Es gibt eine grundsätzliche Erkenntnis: „Vorstellungen sind stärker als der Wille“.

Das bedeutet: Wir folgen in unserem Handeln unseren Bildern (und Emotionen) und nicht unserem Willen.

Hast Du schon mal einen Parkplatz gesucht?

Welches Bild entsteht jetzt bei Dir?

Stelle Dir Deine Stadt, Dein Parkhaus oder Deine konkrete Situation vor.

Frankfurt am Main
Frankfurt am Main

Da gibt es einen, wir nennen ihn Horst: „Oh,“ denkt Horst, „ in Horst-Stadt finde ich nie einen Parkplatz, ich suche lieber gleich außerhalb der Innenstadt.“ Da kurvt Horst dann so lange herum, bis er irgendwo in einer weit entfernten Nebenstraße einen Platz findet. Horst fühlt sich in seinem Handeln bestätigt – erst recht dann, wenn er zu Fuß endlich im Zentrum ankommt und die Verkehrssituation sieht. „Ist doch gut, außerhalb geparkt zu haben,“ denkt er zufrieden.

Heidi behauptet dagegen: „ich fahre immer bis zu genau der Stelle, an die ich will, direkt in die Innenstadt von HeidiCity. Immer wenn ich komme, fährt gerade dort jemand weg.“  Zu einem gewissen Prozentsatz all Ihrer Fahrten bewahrheitet sich diese Denkweise auch. Somit wird Heidi in ihrer Vorgehensweise auch bestätigt. Die „paar mal“ in denen das nicht klappt, kann Heidi locker verdrängen.

Horst versucht es erst gar nicht in die Innenstadt zu fahren. Er wird auch niemals einen Parkplatz in der Innenstadt finden – solange er es nicht versucht. Und – sollte er es jemals doch versuchen, wird er keinen Parkplatz finden. Seine Überzeugung ist, keinen Platz zu finden, also wird er sich unbewusst bei der Suche genau so verhalten, dass er in seiner Überzeugung bestätigt bleibt. „Siehst du, ich habe es doch gewusst.“

Heidi bleibt in ihrer Handlungsweise immer für die Situation offen. „Mal sehen, was geht.“ Sie wird Überraschungen erleben, aber eben auch viele positive Überraschungen.

Der Parkplatz steht hier logischerweise nur als Sinnbild für alle möglichen Handlungsweisen.

 Euch allen wünsche ich ein gute Zeit und immer einen Parkplatz!

 

Links zu Sabine Niese

http://www.stern.de/tv/nervenkrankheit-amyotrophe-lateralsklerose–als—wie-geht-es-sabine-niese–6593332.html

http://www.chancezumleben-als.de

Aquabox Trockenübung

Aquabox Trockenübung

Weihnachtswandern

Wie bereits in meinem Beitrag „Einsam unter Freunden“ beschrieben, wandern wir gerne, mit unserem Freundeskreis – und das bei fast jedem Wetter. So treffen wir uns z.B. jedes Jahr, kurz vor Weihnachten zu einem Wanderwochenende irgendwo im Umkreis von ca. hundert km Entfernung zu unserem Wohnort. Natürlich wandern wir nicht nur, wir übernachten in einem Hotel mit Wellness Möglichkeiten, gehen dort nach etwa zwanzig gewanderten Kilometern in die Sauna und lassen es uns danach bei einem ausgiebigen Menü  und angemessen Getränken gut gehen. Schließlich brauchen wir Stärkung für die Wanderung am folgenden Tag.

Mitschwätze – ich rede wieder mit

Mein Cochlea Implantat hat sich inzwischen schon mehrfach bewährt – auch bei einer gemeinsamen Wanderung vor einigen Wochen. Ich kann inzwischen vielen Gesprächen folgen und somit auch meinen Senf dazu beitragen.

Nun gilt es jedoch, mich für das Weihnachtswanderwochenende zu rüsten. Rechnen muss ich mit Schnee, Schneeregen oder einfach nur Regen – auf meinem Kopf wird schließlich alles zu Wasser.

Seit einigen Wochen besitze ich eine Aquabox mit gesonderter Magnetspule und längerem Verbindungskabel von AB, passend zu meinem Soundprozessor. Der Soundprozessor wird in die wasserdichte Aquabox gepackt. Diese kann ich irgendwo, wo es gerade passt, hinklemmen.

Aquabox

Aquabox an der Jacke
Aquabox an der Jacke

Heute habe ich mich entschlossen, bei einer kleinen Wanderung diese Aquabox einmal auszuprobieren. Das Wetter ist kalt und trocken, also nicht wirklich ein Grund für diese wasserdichte Methode. Aber ich will doch einmal vor dem Ernstfall die Tragemöglichkeit und die Handhabung ausprobieren. Außerdem interessiert es mich, wie gut ich mit dieser Variante meines CI hören kann.

Lästig ist das Verkabeln – wie verlege ich das Kabel so, dass ich meinen Kopf in alle Richtungen bewegen kann, ohne dass mir bei jeder Bewegung die Magnetspule vom Kopf rutsch aber auch so, dass mir nicht dauernd ein Kabel am Kopf rumbaumelt. Ohne Hilfe schaffe ich das heute nicht. Das allein rechtfertigt bereits diesen Probelauf heute.

Ist das Kabel erst mal gut verlegt, klappt der Rest einfach. Heute zeigt das Thermometer  annähernd null Grad Außentemperatur an, deshalb benutzte ich ein Stirnband – für warme Ohren und zum Halt des Kabels.

Schnellgeher mit „Fahrtwind“

Und wie ist das Hören? Jeder kennt das Geräusch von Fahrtwind.

Übertragungskabel verlegt
Übertragungskabel verlegt

Im Zusammenhang mit der Aquabox ist mein Soundprozessor ja in der Box und hört nicht mit. Zuvor muss ich hier das entsprechende Programm wählen. Somit „hört“ nur noch das Mikrophon an der Spule am Kopf – wasserdicht, versteht sich.

Ich habe nicht damit gerechnet, welche Windgeschwindigkeit beim Gehen an meinem Kopf entsteht. Jedenfalls höre ich den „Fahrtwind“. In einem windgeschützten Waldbereich verschwindet dieses Geräusch dann plötzlich, obwohl ich weitergehe. Sofort teste ich, ob das Mikrophon noch überträgt –es funktioniert. So schnell gehe ich demnach doch nicht, dass ich Windgeräusche verursache.

So ist das mit der Selbstüberschätzung – das Geräusch kommt vom normalen Wind, der heute ganz herbstlich bläst.

Mit dieser Wasser Variante kann ich Gespräche führen bzw. verfolgen. Es funktioniert ganz gut. Jetzt fehlt nur noch der Einsatz im Regen und sonstigen Wasser Bedingungen. Da bin ich zuversichtlich.

Reifendruck hören

Reifendruck hören

Reifendruck prüfen

Reifendruck prüfen
Reifendruck prüfen

Im Display der Armaturen meines Autos erscheint plötzlich eine Anzeige „Reifendruck prüfen“ und anschließend wird mir der aktuelle Reifendruck jedes einzelnen Rades angezeigt.

Nun, solche Hilfsmittel sind prima, wenn auch die Welt in ca. 120 Jahren Automobilbau ohne diese Einrichtung zurechtkam.

Aber mir steht noch eine weitere technische Überraschung bevor. Da ich gerade bei einem großen Supermarkt mit großer Tankstelle und Waschanlagen vorbei komme, nutze ich die die Gelegenheit, den Reifendruck zu korrigieren.

Was ist das?

Doch was ist das? Vertraut ist mir das klassische mobile Reifendruckgerät, dass ich nach Gebrauch wieder auf das Ventil der Kompressorleitung hänge. Diesem Gerät sagt man zwar nach, es sei nicht sehr genau, aber – es hat seit Jahrzehnten immer funktioniert.

Nun, hier überrascht mich ein mir fremdes System, in Zapfsäulenhöhe, fest montiert, aber nur mit verdeckt einsehbaren Druckknöpfen und einer Anzeige sowie einem langen Schlauch mit stabilem Aufsteckteil für das Reifenventil. Da ich ein Mann bin, lese ich nicht erst die Anleitung sondern schreite sofort zur Tat. „Wie soll das funktionieren? Vom Rad aus kann ich nicht auf die Anzeige sehen?“ denke ich mir.

Doch dann fällt mir schließlich doch noch das Hinweisschild auf. „Bitte den Schlauch einfach auf das Ventil stecken, bis der Piepton kommt.“ Ihr ahnt jetzt schon, was da kommt.

Woher kennt das Gerät den richtigen Reifendruck?

Zunächst zweifle ich daran, dass dieses Gerät weiß, welchen Reifendruck mein Fahrzeug auf den jeweiligen Achsen benötigt – mir scheint dieser Zweifel auch heute noch berechtigt. Doch ich versuche es selbstverständlich. Betroffen ist laut Armaturenanzeige ein Rad auf der anderen Fahrzeugseite. Also ziehe ich den Schlauch um das Fahrzeug herum, gehe in die Hocke neben das Rad und stecke den Schlauch auf das Reifenventil. Zwischen diesem – für mich – neuem Wundergerät und mir befand sich mein Auto – als Sicht- und auch Hörbarriere.

An Tankstellen ist es nicht immer sehr ruhig, erst recht nicht an Großtankstellen. Das ist auch hier so. Ich warte also auf den Piepton – vergebens. Menschen mit Hörbeeinträchtigung sollten meines Erachtens solche Reifendruck Geräte meiden. Sollte dieses Teil je einen Ton abgegeben haben, so habe ich in nicht gehört.

So wie immer

Reifendruck - wie immer
Reifendruck – wie immer

Nun fahre ich weiter und mein Auto ist der Meinung, dass der Reifendruck immer noch nicht stimmt. Dort, wo ich sonst meistens tanke, prüfe ich erneut den Reifendruck und korrigiere ihn auf bewährte Weise. Das Kontrollsystem meines Fahrzeugs scheint nun zufrieden zu sein. – Ich auch.

Fazit: Technischer Fortschritt ist etwas Tolles. Aber er sollte auch allen zugänglich sein.
Oder: Ich habe das System nicht begriffen und auch zu früh aufgegeben. Vielleicht ist es auch das.

Blätterrauschen

Blätterrauschen

Blätterrauschen
Blätterrauschen

Herbst

Jetzt ist die Zeit der schönen Herbsttage. Ich liebe die Natur zu dieser Jahreszeit. Dicke weiße Wolken ziehen am blauen Herbsthimmel vorüber und sorgen manchmal für kurze Schattenzeiten. Die Temperatur liegt schon deutlich unter zwanzig Grad, aber es ist angenehm, zu gehen oder gar zu wandern.

Schon als Kind habe ich diese Stimmung geliebt. Ganz wesentlich zu dieser Herbststimmung tragen Laubbäume bei. Das Rauschen der Blätter im Herbstwind versetzt mich in eine schwer zu beschreibende Stimmung. Es ist eine Mischung aus vielerlei, sich zum Teil widersprechender Gefühle. Zum einen ist es Heimat und Wohlbefinden, Nestgefühl unter einem sich im Winde wiegenden Baum zu sitzen und das Rauschen in sich aufzunehmen.

Es ist aber auch Rückblick, Gedanken an zurückliegende Jahre und Bilder an vergleichbare Situationen unter blätterrauschenden Bäumen – in der Kindheit, in meiner Jugendzeit und in vielen anderen Situationen meines Lebens an unterschiedlichen Orten.

Stimmungen

Ein Bild kommt mir in Erinnerung. Ich sitze auf einer Bank unter Pappeln und Birken in Bad Buchau am Federsee. Dort habe ich einen schönen Teil meiner Jugend verbracht – in Oberschwaben. Hier in dieser einzigartigen Landschaft – Hochplateau mit großem Moorgebiet – gibt es immer viel Wind. Ich sehe mich dort, damals völlig entspannt, vor mich hin träumen. Meine Gedanken und Wünsche schweiften in die Ferne, in begehrenswerte Regionen unserer Erde und auch zu meiner ersten Liebe. Wehmut und Fernweh sind Gefühlsfetzen, die mich da unter den Bäumen streifen.

Heute 

Heute sitze ich in meinem kleinen Büroraum, mit Blick in den Garten und in die sich im Wind bewegenden Bäume. Hin und wieder gehe ich hinaus unter die Bäume und lausche der Buche, dem Walnussbaum, den Ulmen und Birken.

Was höre ich?

Mit meinem rechten Ohr kann ich Blätterrauschen noch im vermeintlichen Originalgeräusch wahrnehmen. Immer wieder aber halte ich mir das rechte Ohr zu um mit meinem, seit zweieinhalb Monaten aktiven Cochlea Implantat links, zu hören. Auch damit kann ich das Rauschen der Blätter hören. Es ist aber noch leiser und es klingt derzeit wohl eher wie ein auf- und abschwellendes Knistern und Rascheln mit Papier oder Folie. Ich empfinde es eher als technisches oder elektronisches Geräusch. Doch ist es für auch jetzt schon ein angenehmes Knistern und Rascheln – vielleicht weil ich positive Gefühle damit verknüpfe. Zuvor habe ich links gar nichts gehört.
Menschen die schon länger ein Cochlea Implantat tragen haben mir berichtet, dass der normale Klang, das Volumen – in Sprache und in Geräuschen – mit der Zeit kommt. Auch jetzt schon habe ich manchmal den Eindruck oder die Einbildung, bereits auf dem Weg dahin zu sein. Da bin ich zuversichtlich.

 Bäume rauschen unterschiedlich

Früher, so erinnere ich mich, konnte ich Unterschiede heraushören, ob der Wind in eine Buche, eine Birke oder in einen Nussbaum blies. Die Tonlage war unterschiedlich. Diese Differenzierung ist mir heute nicht möglich. Vielleicht kommt das wieder.

Die Sonne scheint durch das Blätterdach und zeichnet ein helles sonniges Muster, die Schatten werden von den Blättern geworfen. Wenn der Wind in die Bäume bläst, beginnt das Muster zu tanzen, zu wogen wie auf einem Meer. Mir gefällt das.
BIld

Herbstkind

Ich bin ein Herbstkind – zu dieser Jahreszeit wurde ich geboren. Astrologen bilden da Zusammenhänge zwischen der Jahreszeit der Geburt und den Vorlieben für Jahreszeiten und deren Witterung. So eng sehe ich das aber nicht.

Der letzte Whisky

Der letzte Whisky

Autorenlesung "Der letzte Whisky"
Autorenlesung „Der letzte Whisky“

Waderner Buchwoche

Jährlich veranstaltet die Stadt Wadern gemeinsam mit Partnern die „Waderner Buchwoche“. Da dreht sich alles um Bücher und ums Lesen. Im Rahmen dieser Buchwoche findet im Restaurant des Waderner Einkaufszentrums eine kulinarische Autorenlesung statt. In diesem Jahr zum zehnten Mal.

Unterschiedlichste Autoren waren in den letzten Jahren dort zu Gast. Seit Jahren gehen wir gerne dort hin – fast immer kaufe ich mir dann das Buch aus dem gelesen wird und lasse es mir vom Autor signieren. Der vielleicht bekannteste Gastautor war vor einigen Jahren Ulrich Kienzle, langjähriger TV Nahost Korrespondent mit Standort Beirut.

Hörsituation früher

Bei den vergangenen Veranstaltungen hatte ich zunehmend Probleme, die lesenden Autoren auch zu verstehen. Trotz Mikrofon und diverser Lautsprecherboxen reichte meine Hörgeräte Versorgung nicht aus.  Hörgerät rechts, und links, wo ich fast taub war, eine Crossversorgung die ans rechte Hörgerät funkte.

Hörsituation heute

In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal mit meinem Cochlea Implantat bei einer solchen Lesung. Ich bin sehr gespannt darauf, wie das für mich funktioniert. Vorsichtshalber habe ich meinen ComPilot dabei, die Hör-Unterstützung über eine Hörschleife um den Hals. Doch die beiden Ton Techniker mussten mich leider enttäuschen. In ihrer Anlage gab es keine passende Buchse für den Stecker des ComPilots. „Wenn wir das vorher gewusst hätten, hätten wir einen Adapter mitgebracht.“

Zu meinem Erstaunen kommt noch die Frage „wollen Sie da rein sprechen?“ „Nein, natürlich nicht, ich will damit hören“ ist meine Reaktion. „Hören? Wieso hören?“  Erst jetzt stellt es sich heraus. Die Tontechniker meinen, ich sei der Referent, der Autor. Nachdem das geklärt ist, versprechen Sie im nächsten Jahr einen Adapter mitzubringen. Da bin ich mal gespannt.

Kulinarischer Krimi

Krimi "Der letzte Whisky"
Krimi „Der letzte Whisky“

Das heute vorgestellte Buch ist „Der letzte Whisky“, ein kulinarischer Krimi, der in Schottland spielt, vorgelesen vom Autor „Carsten Sebastian Henn“. Das passende Essen dazu ist dann auch Schottisch und der Nachtisch enthält angeblich auch Whisky. Es muss wohl wirklich der letzte Whisky gewesen sein, denn zu trinken gibt es keinen Whisky. Der Autor tritt im schottischen Kilt mit weiteren typisch schottischen Accessoires auf.

Neues Hören

Der Abend mit diesem Vortrag beginnt mich zu amüsieren. Ich habe

Autor C.S.Henn
Autor C.S.Henn

einen guten Platz von dem aus ich alles gut verfolgen kann. Die authentischen, vom Autor zwischen gestreuten Erzählungen haben Witz und lassen meine Schwerhörigkeit vergessen. Ja, erst nach einer ganzen Weile wird mir bewusst, dass ich ohne ComPilot einfach so zuhören kann. Ich verstehe alles. Es macht die Kombination aus, bestehend aus meinem Hörgerät rechts und meinem Cochlea Implantat links. Allein mit dem CI hätte das noch nicht funktioniert, aber im Gesamthören hilft es wohl schon sehr aktiv mit.

Das würde ich gerne feiern, doch dazu fehlt leider der Whisky.

Lese- und Whiskyfreunde: unten finden Sie neben dem Buch auch Whisky aus zwei der im Buch beschriebenen Destillerien auf Islay.

     

Persönlichkeitsveränderung durch Schwerhörigkeit

Persönlichkeitsveränderung
Persönlichkeitsveränderung

Persönlichkeitsveränderung durch Schwerhörigkeit

Es geht ganz langsam, aber Du veränderst Dich, wenn Du schwerhörig bist. Du veränderst Deine Persönlichkeit.

Der Zusammenhang ist einfach und logisch. Je weniger Du hörst, desto weniger wirst Du verstehen. Wenn Du weniger verstehst, ergibt es ich zwangsläufig, dass Du Antworten oder Kommentare gibst, die nicht ganz auf das passen, was die anderen gesagt haben. Du liegst – gelinde gesagt – daneben. Und das hat Folgen.

Wie habe ich das erlebt?

Wie bin ich damit umgegangen und wie gehe ich noch damit um? Ich habe mich Schritt für Schritt – in kleinen dosierten Schritten – zurückgezogen. Von meinem Naturell her rede ich gern mit, bin manchmal ein Erklärer und führe gerne das Wort. Besonders gerne stelle ich Fragen. „Wer fragt der führt“ habe ich mal gelernt und auch sehr viel in Seminaren vermittelt. Es gehört zu meinem Wesen, viel zu fragen.

Wer fragt der führt

Schwerhörigkeit führt zu Einsamkeit  - wie allein auf dem Meer
Schwerhörigkeit führt zu Einsamkeit – wie allein auf dem Meer

Dummerweise ist es mir immer noch nicht ganz gelungen, das abzustellen. Ich habe es noch nicht ganz geschafft. Denn – wer fragt, erhält in der Regel auch Antworten. Nur, was fang ich mit Antworten an, die ich nicht verstehe? (Was fragst Du dann so blöd, wenn Du doch sowieso nichts verstehst?) Als Fragender gebe ich den Anstoß für ein Gespräch, ein Thema vor. Und dann merke ich, dass ich nicht mithalten kann, weil ich die Gesprächspartner nicht verstehe, bzw. missverstehe – interpretiere. Daraus entwickelt sich in der Regel ein kleines Chaos, für mich zumindest. Aus dem komme ich dann nur wieder heraus, wenn ich meine Beteiligung am Gespräch mit dem Satz beende „Entschuldigung, ich wollte mir abgewöhnen, Fragen zu stellen, weil ich die Antworten sowieso nicht verstehe.“

Bei der nächsten Gelegenheit, schaffe ich es, mich solange zurückzuhalten, bis ich glaube, doch etwas verstehen zu können oder mein Wunsch, auch mal wieder etwas ins Geschehen rücken zu wollen, so groß ist, dass ich meinen Hinderungsgrund kurzzeitig vergesse. Das Ergebnis ist immer wieder das Gleiche. Pech gehabt.

 

Im Beitrag „Einsam unter Freunden“ klingt das schon an. Ich ziehe mich mehr und mehr zurück und beschränke mich aufs Beobachten.

Wie schätzt Du einen Menschen ein, der in einer Runde sitzt und kein Wort außer, „kannst Du mir bitte mal den Salat reichen“, spricht? Desinteressiert, sehr ruhig, merkwürdig still, unbeholfen, Muffel oder vielleicht auch arrogant.

Meine Persönlichkeit änderte sich im gleichen Tempo, wie sich meine Schwerhörigkeit entwickelt hat.

Gerne unter Menschen – Menschen meiden

Ich liebe es unter Menschen zu sein – doch ich meide diese Situation mehr und mehr.

Ich ziehe mich zurück – ich bin dann nicht nur in der Situation „zurückgezogen, ich lebe dann auch mehr und mehr zurückgezogen.

einsam unter Freunden
einsam unter Freunden

Bei irgendwelchen Veranstaltungen stehen Menschen in Grüppchen herum und unterhalten sich – Small Talk – vor Beginn oder in Pausen. Wo stehe ich dann? Bin ich allein, stehe ich irgendwo am Rande, mit der Hoffnung, dass mich keiner anspricht. Bin ich gemeinsam mit meiner Frau, stehe ich höflich neben ihr, nicke freundlich, beteilige mich aber nicht. Wie das von anderen, die mich nicht näher kennen, interpretiert wird, vermute ich mal zumindest mit „unhöflich“.

Persönlichkeitsveränderung

Meine Persönlichkeit hat sich verändert. Ich bin menschenscheu geworden, unterhalte mich nicht mehr und meide Menschenansammlungen – verlerne angeregt mitzureden.  Im gleichen Maße reagiert meine Umwelt auch angemessen. Ich werde weniger angesprochen, weniger gefragt und fühle mich „geduldet“. Das schwächt zusätzlich mein Selbstbewusstsein.

Ich bin ein völlig anderer Mensch geworden, gemessen an der Zeit, in der ich noch normal gehört habe.

Mein Ziel habe ich ganz klar vor Augen. Ich will diese Entwicklung wieder rückgängig machen – mit einem Cochlea Implantat.

schwerhörig mit Tieren sprechen
schwerhörig mit Tieren sprechen

Mit unseren Hunden und Katzen spreche ich derzeit mehr als früher. Deren Antwort kann ich von den Augen ablesen. „Was laberst Du da wieder??“

Warum Verstehen wichtig ist

Warum ist Verstehen für mich wichtig?

Schleichender Prozess

Der Prozess ist schleichend, ganz langsam habe ich immer schlechter gehört und vor allem immer schlechter verstanden. Verstehen bedeutet ja nicht nur Wörter oder Sätze zu hören, hören ist nur die Voraussetzung für Verstehen. Verstehen bedeutet die Inhalte zu begreifen, zu bewerten, die mit Sprache vermittelten Gefühle zu erfassen, für sich selbst zuzulassen, sich davon „infizieren“ zu lassen.

Ein weiterer Prozess im Hintergrund

Mit dem schleichenden Prozess der Schwerhörigkeit, geht ein anderer Prozess im Hintergrund einher, für andere kaum wahrnehmbar, ein leiser stummer Prozess des „aus der Welt Fallens“, des „nicht mehr beteiligt zu seins“.

In einem Gespräch unter drei und mehr Personen ist es niemandem zuzumuten, ständig den „Übersetzer“ in Kurzschrift bzw. Kurzsprech zu spielen. Ein gutes Gespräch nimmt einen nicht vorhersehbaren Verlauf, das macht den Reiz aus. Da stört jede Zwischenfrage „was hast Du gesagt?“ „was hat sie gemeint?“. Das normale Gespräch könnte dann nicht mehr weiter fließen.

Nun habe ich mir gedacht, na ja, du bekommst nicht mehr alles mit. Dann musst du dich anders beschäftigen, viel lesen und fernsehen. Da wirst du nicht viel Schaden nehmen.

Inzwischen weiß ich, dass es anders ist.

Meine  Schwerhörigkeit

Ich kann nur von mir und meinen Eindrücken und Erfahrungen ausgehen und berichten. Ich weiß nicht, wie es anderen Schwerhörigen da geht. Es interessiert mich aber.

 Signale der sozialen Veränderungen

Die ersten Signale sind die Reaktion des eigenen Umfeldes auf Nachfragen von mir. „Das war nur unwichtiges Geschwätz:“ „Soll ich dir jetzt etwa die ganzen Dialoge wiedergeben?“ – ja, ich habe Verständnis dafür, dass das nicht geht. Auch ich kann meist von einem 20 Minuten Gespräch nur den Extrakt wiedergeben. Das dauert vielleicht ein bis zwei Minuten.

 wald-licht

In Gesellschaft

Kennst Du das? Du bist unter Freunden oder einfach in Gesellschaft. In einer vermeintlich unbeobachteten Sekunde flüstert Dir Deine Partnerin oder Dein Partner schnell etwas zu.

Ich verstehe den Inhalt nicht, kann nur selten aus der Gestik oder Mimik irgendwas interpretieren. Wie gehe ich damit um? Folgende Fragen schießen mir durch den Kopf:

„War es etwas Wichtiges, dass ich sofort beachten sollte?“ „War es nur ein witziger Einwand zum vorher gelaufenen Gespräch?“ „Soll ich etwas aus dem Auto holen?“ „Ist es ihr vielleicht nicht gut und ich sollte reagieren?“ „War es vielleicht eine Bemerkung zu einem der anderen Anwesenden?“ – Ich weiß es nicht.

Aus Erfahrungen heraus, die nicht immer elegant verliefen, gibt es für mich derzeit nur noch eine Reaktion: „Ich habe leider Nichts verstanden.“

Häufig lautet dann die Antwort: „Ist schon vorbei.“ oder „Hat sich erledigt.“ Das ärgert mich einerseits, weil ich nun nicht mitbekommen habe, was evtl. Situationskomik gewesen wäre, andererseits entspannt es mich, ich kann ruhig sitzen bleiben.

Umgehung

Außerdem nehmen meine Beobachtungen zu, von vorne herein nicht mehr in Gespräche, Diskussionen oder auch Kleinigkeiten eingebunden zu werden. Hier findet ein Umgehen statt, womöglich für kurze Informationen und Problemlösungen. Da wird es zur Hürde, wenn mich jemand da einbindet – aus Zeit- und Nervengründen.

Was verursacht das bei mir? Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit dieses Verhaltens empfinde ich so etwas wie Missachtung, Diskriminierung, nicht mehr gebraucht zu werden (außer körperlichen Tätigkeiten wie Kartoffeln aus dem Keller holen, Rasen mähen oder dergleichen). Das bedeutet, mein Geist, mein Intellekt wird zunehmend überflüssiger, zumindest für mein Umfeld. Das kratzt am Ego. Es ist ein permanenter Kampf, sich dagegen zu wehren.

Der trottelige Alte

Der stille, stumme schleichende Prozess bewirkt aber noch etwas anderes. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich zu dem trotteligen Alten, den ich manchmal schon abgebe. Wenn mein Gehirn nicht gefüttert wird und nicht gefordert ist, ist es nicht mehr geübt, schnell zu reagieren und selbst spontan Beiträge ins Gespräch einzubringen, es verlernt diese Fähigkeiten – langsam, schleichend eben.

Ich möchte aber auch weiterhin nützlich sein, über die Handreichungen hinaus.

Deshalb verspreche ich mir vom Cochlea Implantat mehr als nur besser zu hören. Ich möchte wieder vollwertig am Leben teilnehmen.

 

hier von mir gerne zitierte Kommunikationsgrundsätze:

 gedacht heißt noch nicht gesagt

gesagt heißt noch nicht gehört

gehört heißt noch nicht verstanden

verstanden heißt noch nicht einverstanden

einverstanden heißt noch nicht umgesetzt

 

Alte und Junge

Alte und Junge

Im Sellwald läuft meine Frau öfter in Begleitung unseres Hundes Panos ihre Runde. Manchmal läuft eine Freundin mit oder auch mal unsere Tochter oder die Enkeltochter.

Freude am Gehen

Wenn ich Lust dazu habe oder wenn ich glaube, dass mir Bewegung im Wald gut tut, gehe ich mit. Ich gehe gerne und viel und habe Freude daran, mich gehend zu bewegen. Aber meine Begeisterung am Laufen ist etwa so ausgeprägt wie meine Hörfähigkeit. Also laufe ich nicht mit den anderen sondern gehe stattdessen für mich alleine meine Strecke. Spontan gehle ich auch mal quer durch den Wald. Meine Orientierung an den Läuferinnen beschränkt sich darauf, zum vermutet richtigen Zeitpunkt wieder am Ausgangspunkt zu sein, denn ich habe den Autoschlüssel in der Tasche. Bis zum Waldparkplatz sind wir gefahren.

Waldkontakte

bach-1Heute traf ich ein älteres Paar mit einem Hund, der keine Lust zum gehen hatte. Da sie standen um auf ihren Hund zu warten blieb ich auch stehen und wir unterhielten uns ein wenig. Sie fragten nach dem Weg zur Harteichhütte und zur Alm und ich hatte Fragen zum Hund. In der Nähe plätscherte ein kleiner Bach, den ich erstaunlicherweise leise hören konnte.

Als wir unsere Unterhaltung beendet hatten, weil ich rechtzeitig an unserem Auto sein wollte und jeder in seine Richtung weitergegangen war, wurde mir plötzlich sehr bewusst, dass ich dieser Unterhaltung mit den fremden Menschen ohne jede Probleme folgen konnte.

Sprich deutlich

Das veranlasst mich darüber nachzudenken – sprechen ältere Menschen deutlicher als Jüngere? Trifft das in meinem direkten Umfeld vielleicht zu? Viele junge Menschen scheinen mir sehr schnell zu sprechen – als gelte es nur durch Schnellsprechen zu überleben. Manche sprechen auch sehr undeutlich – sie machen beim Sprechen den Mund kaum auf und bringen die Zähne nicht auseinander – es scheint als wollten sie nicht wirklich verstanden werden. Ich empfinde das als eine Art von Mundfaulheit.

Aber je mehr ich darüber nachdenke, stimmt das so pauschal auch nicht. Da fallen mir auch junge Leute mit ausgezeichneter, für mich gut verständlicher Sprache ein, und ich erinnere mich an Alte, die nur nuscheln.

Eure Erfahrung

Was ist Eure Erfahrung? Es interessiert mich.

Einsam unter Freunden

Einsam unter Freunden

 Freundeskreis

wandern-4Meine Frau und ich gehören einem sehr sympathischen und aktiven Freundeskreis an – es sind alles Paare. Jeden Geburtstag feiern wir beim Geburtstagskind. Silvester feiern wir immer abwechselnd, jedes Jahr bei einem andern Paar. Außerdem wandern wir oft gemeinsam. In der Adventszeit fahren wir für ein Wochenende in ein anderes Wandergebiet.

Da könnte der Eindruck entstehen, es gäbe da nicht mehr viel Neues zu erzählen, zu besprechen oder einfach zu palavern. Weit gefehlt.

 Unterhalt mit Sprechen verdient

Ich bin ein Mensch, der viele Jahre seinen Lebensunterhalt durch Sprechen verdient hat. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass solche Eigenschaften nicht einfach mit zunehmendem Alter verschwinden. Anders gesagt, ich habe auch gerne das Wort geführt.

Ich höre viel und verstehe nichts

Doch seit einigen Jahren sitze ich im Kreise der Freunde und höre viel aber verstehe nichts mehr. Ich fühle mich einsam – mache ein angestrengtes Gesicht aber ich langweile mich. Also esse und trinke ich mehr – schließlich habe ich viel Zeit zu überbrücken. Weder zu viel essen und noch zu viel trinken tut mir besonders gut. Deshalb verbringe ich auch einige Zeit mit meinem Smartphone – ein Segen so ein Gerät, zumindest in dieser Situation. Hin und wieder schnappe ich ein Stichwort aus dem laufenden Gespräch der Tischrunde auf und mische mich dann mit meinem Kommentar dazu ins Geschehen ein.

 Als Schwerhöriger auch mal im Mittelpunkt

Es folgt fast regelmäßig ein sich immer wiederholender Ablauf. Wenn ich überhaupt durchdringe – oft bin ich zu leise und häufig auch zu laut – sehe ich unverständliche Gesichter. Thema verfehlt oder Thema schon wieder vorbei. Für einen kurzen Zeitraum stehe ich dann dennoch im Mittelpunkt. Leider immer nur mit dem gleichen Inhalt, meiner Schwerhörigkeit. Ich habe dann Gelegenheit, ein paar Worte zur Entwicklung zu sagen und zu den Aussichten – in letzter Zeit auch zu den ganzen Vorbereitungen für die OP des Cochlea Implantats. Das Thema ist dann aber auch schnell erschöpft und das Gespräch fließt in andere Richtungen.

Allen Mitgliedern unseres Freundeskreises muss ich zugute halten, dass sie immer wieder versuchen, mich ins Gespräch einzubeziehen. Ich finde das geradezu rührend, wie sich alle bemühen. Aber letztlich bleibe ich doch auf der Strecke weil ich nicht verstehe, was sie alles sagen. Manchmal nicke ich nur zustimmend um nicht dauernd wieder nachzufragen.

Leider gehen dann fast alle davon aus, dass ich weiß worüber am Abend gesprochen wurde.

 Ich weiß natürlich von Nichts

Tage später kommen oft unerwartet Ereignisse auf mich zu, von denen ich angeblich gewusst haben sollte. „Das haben wir doch besprochen“ oder „du warst doch dabei als das vereinbart wurde“ – ja das mag alles sein – die eventuelle Frage nach dem Schuldigen ist dann schnell geklärt. Als Schwerhöriger fühle ich mich immer schuldig oder doch zumindest verantwortlich.

Im Laufe meines Lebens musste ich schon immer mit sich plötzlich neu ergebenden Situationen, Ereignisse oder Veränderungen  umgehen – das kommt mir heute zugute. Ich nehme es gelassen hin, wenn ich kurzfristig die Information erhalte „du weißt doch, dass wir heute Abend alle ins Konzert gehen.“

Hoffentlich gibt es da was zu trinken. Mein Smartphone habe ich immer dabei.